18 Kommentare
Avatar von User
Avatar von Zerlumpter Doktor

Zunächst einmal: Die inflationäre Nutzung der ADHS-Diagnose ist ein reales Problem – da stimme ich zu. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Diagnosen auch deshalb „mal eben schnell" ausgestellt werden, weil antrainierte Dopamin-Dysregulation durch Social-Media-Konsum symptomatisch kaum von ADHS zu unterscheiden ist.

Damit stoßen wir allerdings sofort auf das erste gesellschaftliche Strukturproblem: Die Differenzialdiagnose von ADHS und ASS wird von gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen. Je nach Praxis kostet sie privat rund 700 Euro – eine Barriere, die viele Betroffene schlicht nicht überwinden können. Ohne diese Diagnostik bleibt unklar, ob eine Symptomatik tatsächlich auf ADHS zurückzuführen ist, auf Autismus-Spektrum-Störung, auf bindungsbiografische Prägung oder eben auf eine erworbene Dysregulation.

Für die unmittelbare Lebensrealität der betroffenen Person ist die genaue Diagnose allerdings zunächst zweitrangig, denn Zustand ist Zustand. Auch eine antrainierte Dopamin-Dysregulation durch Medienkonsum ist als Suchterkrankung ein Zustand: grundsätzlich reversibel, anders als ADHS. Aber das ändert kurzfristig wenig an den Lebensumständen der Person und beeinträchtigt sie erheblich. Und nein: ein bisschen Disziplin hilft bei einer Suchterkrankung nicht. Die Unterscheidung zwischen den Ursachen bleibt dennoch relevant, nicht für die Betroffene selbst, wohl aber für die Frage, welche Unterstützung tatsächlich greift.

Bei ADHS, Autismus-Spektrum-Störung und Tourette-Syndrom sprechen wir von dysfunktionaler Neurodivergenz. Und die bedeutet im soziologischen Sinne eine Behinderung. Nicht eine Beeinträchtigung des Individuums, sondern eine Behinderung durch die Gesellschaft. Diese Unterscheidung ist nicht semantisch, sondern politisch.

(Eine kurze Klammer, weil der Begriff Neurodivergenz zu Recht Rückfragen provoziert: Auch Psychopathie ist neurologisch eine Form von Divergenz. Aber eben keine dysfunktionale im hier gemeinten Sinne. Der entscheidende Unterschied liegt im gesellschaftlichen Impact: Dysfunktionale Neurodivergenz wie ADHS, ASS oder Tourette entsteht im Reibungsverhältnis zur normativen Umwelt. Psychopathie hingegen operiert gegen das soziale Gefüge. Der Begriff braucht diese Präzision, damit er nicht als Freifahrtschein missverstanden wird.)

Das soziale Modell von Behinderung – entwickelt u.a. durch Mike Oliver und die Disability Studies – macht genau diesen Punkt: Nicht die Person ist das Problem, sondern die Barrieren, die eine Gesellschaft errichtet. Und hier wird es konkret unbequem:

Warum gibt es keine Ruhebereiche in Klassenzimmern? Warum wurden Großraumbüros bis heute nicht abgeschafft? Warum pressen wir Menschen mit einem anderen neurologischen Betriebssystem in starre 9-to-5-Strukturen? Und wer trägt eigentlich die Kosten – finanziell wie gesundheitlich – für den permanenten Energieaufwand, den neurodivergente Menschen betreiben, um in einer normativ konstruierten Welt als „normal" durchzugehen?

Diese Personen haben eine signifikant geringere Lebenserwartung, passen sich mit horrenden gesundheitlichen Eigenkosten an eine Gesellschaft an, die das schlicht nicht sieht. Und sie geraten dann zusätzlich zur neurobiologischen Behinderung oftmals in den Burnout durch diese Zusatzbelastungen.

Dysfunktionale Neurodivergenz ist letztlich genau das: ein anderes Betriebssystem. Eines, das in einer normativ konstruierten Welt permanent einen Übersetzer benötigt. Nicht weil es defekt wäre, sondern weil die Umgebung keine Kompatibilität herstellt.

Das Problem sind nicht die Diagnosen. Das Problem ist eine Gesellschaft, die Flexibilität verweigert, in Schubladen denkt und unsichtbare Barrieren für genau jene Menschen aufrechterhält, für die Inklusion längst überfällig wäre.

Avatar von Svenja Hofert

In dem Beitrag steckt viel, ganz lieben Dank. Er zeigt tiefe Expertise und Differenzierung. Den Social-Media-Sucht-Aspekt finde ich ebenso interessant. Auf der Ebene der Conclusio möchte ich differenzieren: Wer ist "die Gesellschaft"? Und kann sie Flexibilität verweigern? Flexibilität ist dem menschlichen (auch neurotyischem) Gehirn nicht wirklich gegeben. Es macht Prognosevorhersagen und reagiert empfindlich auf Abweichungen. Es ist deshalb immer irgendwie rigide. Und die notwendigen Unterscheidungen fallen auch aus systemischen Gründen schwer. Und dann wäre da noch eine Gesellschaft, die ohnehin überfordert ist mit Veränderungen, was zu Regression führt.

Avatar von Zerlumpter Doktor

Ein berechtigter Einwand. Und dennoch möchte ich beim Mechanismus bleiben.

Das Overton-Fenster verschiebt sich. Nicht irgendwann und nicht theoretisch. Es verschiebt sich messbar, schnell und in beide Richtungen. Die Migrationsdebatte ist dafür ein anschauliches Beispiel: Unabhängig davon, wie man sie inhaltlich bewertet, zeigt sie, dass eine gesellschaftliche Grundhaltung in weniger als zehn Jahren in ein zuvor undenkbares Narrativ kippen kann. Das ist kein politisches Argument. Es ist ein Beleg für die Geschwindigkeit des Mechanismus. Und Mechanismen kennen keine Einbahnstraße.

Genau hier liegt für mich das eigentliche Problem der ADHS-Debatte – und ja, seien wir ehrlich: der Autismus-Spektrum-Debatte mindestens im gleichen Maße. Weder das Empowerment-Narrativ „ADHS als Superkraft" noch die berechtigte Kritik an inflationären Diagnosen sorgen für die nötige strukturelle Sichtbarkeit, die eigentlich gebraucht wird. Im Gegenteil: Beide kämpfen um Deutungshoheit, beide bedienen Lagerlogik und beide erzeugen durch Polarisation eine Verschiebung des Overton-Fensters weg von der Sichtbarkeit, hin zur Ausgrenzung. Denn sind wir ehrlich: Das Framing von ADHS als Superkraft sorgt am Ende dafür, dass neurotypische Menschen

1. genervt sind

2. nicht verstehen, wieso dysfunktional Neurodivergente eben doch vor Barrieren stehen und nicht die „Gewinner des Systems" sind.

Ich frage mich, warum die erste Reaktion so oft Lagerbildung ist statt Systemanalyse. Nicht als Vorwurf. Das Verhalten ist neurobiologisch gut erklärbar, was hier sogar thematisch passend wäre. Aber es ist eben auch der Mechanismus, der Verschiebungen blockiert.

Meine Antwort liegt bei differenzierter Aufklärung. Nicht als naiver Idealismus, sondern als einzige Strategie, die strukturelle Probleme sichtbar macht, ohne sie in Stellvertreterdebatten aufzulösen. Denn wenn wir Probleme von vornherein offenlegen, schaffen wir erst die Grundlage, auf der Gesellschaft ihre eigene Inklusionsleistung erbringen kann. Getragen durch das Bestreben nach sozialem Zusammenhalt.

Das funktioniert jedoch nur, wenn wir – jeder einzelne – beginnen, das was uns nervt nicht als Signal zur Lagerbildung zu lesen, sondern als Einladung zur Dekonstruktion. Die Ursache liegt selten dort, wo der Ärger sitzt. Das gilt für ADHS – und für fast alles, worüber wir gerade nicht wirklich reden.

Avatar von Alex

Hallo Svenja,

danke für deine Darstellung der Situation. Ich finde diese Symptom-Medizin ebenfalls schrecklich. Dass andere Interpretationen hier im Mainstream-Gewäsch und 5-Fragen-Analysen untergehen ist fatal. Die Uminterpretation des neuen ICD zeigt die Hilflosigkeit der Schulmedizin mit der Komplexität menschlichen Lebens (auch und besonders im Psychischen).

Allerdings habe ich auch etwas Kritik. Ich empfand es als sehr verletzend, ADHS als dysfunktional beschrieben zu sehen. Meine Erfahrung mit ADHS-Diagnostizierten ist eher, dass sie sich als alternativ wahrnehmend und denkend betrachten - nicht als überlegen oder kaputt. Die Teilung in Funktionale und Dysfunktionale, Schwarze, Rote und Weiße oder wie auch immer sonst ist kein Problem mit ADHS, sondern mit sehr begrenztem Horizont. Der Algorithmus tut, wie du schon schreibst, sein Restliches. Er macht jeden Pups zum Gewitter.

Oft sind die Ursachen, wie von dir ja auch schon angedeutet, aber erst einmal sekundär. Meine späte ADHS-Diagnose ist recht eindeutig, weil sie sich über drei Generationen rückverfolgen lässt. Ob das genetisch oder sozial erlernt und weitergegeben ist, ist für die Erleichterung unerheblich, die es mir brachte. Zu verstehen, warum ich mit dem Normalen trotz gesundem Körper und hohem IQ über Jahrzehnte so massive Probleme hatte, war eine Befreiung. Meine nie abgerufenen Stärken anerkannt zu sehen und sie bewußt einsetzen zu können, hat mein komplettes Leben gedreht.

Und ja: Die alten, erlernten Muster bleiben; die Maskierungen lassen sich nicht in Tagen oder Monaten ablegen. Die Diagnose mag weder abschliessend noch bis zum Urgrund geschehen sein.

Aber sie hilft und sie schafft Orientierung und neue Stärke. Sie ist ein neuer Anfang.

Ich verstehe deinen Ärger. Ich finde es aber keine gute Idee, das an diesem spezifischen Thema abzuarbeiten.

Was du kritisierst hat aus meiner Sicht mit ADHS nur symptomatisch zu tun.

Ziel deines Ärgers sind (medizinische) Modeerscheinungen, menschliche Engstirnigkeit und Schuldverschiebungstendenz. Dazu die immer unerträglicher werdende Lautsprecherwirkung des Internets (mit Algorithmen und KI). Stattdessen ist dein Thema Neurodiversität.

Im Grunde könnte ich sagen, der Artikel tut genau, was er kritisiert. Symptome mit Ursachen verwechseln.

Trotzdem noch einmal Danke. Auf der Metaebene helfen mir deine Zeilen dennoch. Ich würde mich sehr über einen Artikel freuen, der verschiedene Sichtweisen der Ansätze der Ursachen von ADHS nebeneinander ausführlicher beleuchtet.

Avatar von Svenja Hofert

Lieber Alex, danke für deine ausführliche und ausgewogene Darstellung. Ich wollte ADHS nicht als dysfunktional darstellen. ich habe das systemisch beschreiben wollen - das ein sich nicht gegenseitig verstehen und in Wechselbeziehung für ein Team dysfunktional sein kann. Im Sinne von für wen ist etwas funktional oder dysfunktional. Dein Beitrag hat mir gezeigt, dass ich an den Text noch mal rangehen muss, weil dieser Aspekt nicht deutlich genug rauskommt. Könntest du dir den letzten Abschnitt noch mal durchlesen, ob das so verständlich ist? Danke für deine Einschätzung! Und positive Seiten und Kritik verbinden zu können, ist eine besondere Kompetenz. LG Svenja

Avatar von Alex

Hallo nochmal,

zuerst einmal danke für deine Antwort - und das Lob 🙂.

Ich stehe wohl gerade etwas auf dem Schlauch bzgl. der Frage nach dem "letzten Abschnitt". In den dort beschriebenen Thematiken steckt so viel Potential, dass sie kaum erschöpfend betrachtet werden können. Allein die Frage des "richtigen" Betrachtungswinkels (wissenschaftlich, individual, wirtschaftlich, moralisch) ist bodenlos. Ich könnte nicht sagen, wo man hier eine vernünftige Grenze ziehen sollte; sie muss also willkürlich gewählt werden.

Mich störte nur ein Satz zu Beginn, der zugegeben eine reale Situation beschreiben könnte, in der Realität nMm aber so nicht geschehen wird.

Die Aussage "dass irgendjemand eine Diagnose als Begründung für dysfunktionales Verhalten im Team einbringt" scheint mir unwahrscheinlich. ADHS-Diagnostizierte neigen meiner Erfahrung nach eher zu (oft zu) komplexen Betrachtungsweisen und disqualifizeren sich nicht selbst als dysfunktional.

Natürlich kann diese Person aus Sicht von Team oder Vorgesetztem mit seinen "alternativen Ideen" also Störung wahrgenommen werden. Dann wäre hier aber eher anzunehmen, "dass irgendjemand eine Diagnose als Begründung seines Verhaltens einbringt und deshalb vom Team als dysfunktional etikettiert wird." Das liegt nah am "Normalen".

Avatar von Svenja Hofert

Hallo Alex, jetzt verstehe ich oder meine zu verstehen :-) Es ist ein "wirkliches" Beispiel. Und die Sache ist: Man weiß nicht, ob es eine echte Diagnose gab. Ich höre oft "ich habe" und wenn ich dann frage wer/wo/was /wann das festgestellt hat, bekomme ich Antworten, die manchmal Zweifel wecken.

Jedenfalls sind Fälle bekannt, wo "ich habe X" als Erklärung für ein (andere belastendes) Verhalten genutzt worden ist....Ich bin nur eine Beobachterin der Beobachtung unterschiedlicher Realitäten. Dysfunktional meinte ich jedenfalls nicht in Bezug auf ADHS.... sondern in Bezug auf das, was entsteht, wenn jemand dieses Etikett so einfach in den Raum wirft und damit anderen vor die Füsse, die dann z.B. mehr arbeiten müssen oder etwas kompensieren oder die hilflos sind und sich vielleicht selbst überfordert fühlen. LG Svenja

Avatar von Birgitt H

Für mich ist der Text ein wenig zwiespältig. Einerseits spricht er wichtige Punkte an, andererseits hinterlässt er – gerade im Einstieg – einen sehr bitteren und fast defensiven Beigeschmack.

Die Kritik an der Kommerzialisierung ( bei den 8-Stunden-Instagram-Coaches verdreh ich auch nur die Augen) und der Fokus auf das System sind absolut richtig. Auch ich bin der Ansicht: Wir sind nicht behindert, wir werden behindert.

Der Ton am Anfang klingt für mich aber leider nach „Wir armen Neurotypischen, müssen wir uns jetzt etwa anpassen, halten die sich für besser?“

Bitte nicht vergessen: Als neurodivergente Frau, die erst spät diagnostiziert wurde, habe ich Masking bis zum Burnout betrieben. Auch jetzt, wo ich zumindest weiß, was mit mir los ist, dass ich nicht falsch und weird und unpassend bin, sondern neurodivergent, werden mir Anpassungen verwehrt. Alle Bitten werden vom Tisch gewischt, man solle sich nicht so anstellen, früher gings ja auch. Mir scheint, dass dieser Artikel diesen lebenslangen Kampf übersieht. Mein AuDHD ist keine Superpower – außer jemand hält RSD, Meltdowns, Shutdowns und Overthinking für eine großartige Sache.

Besonders bedenklich finde ich den Satz über Führungskräfte, die genervt sind, weil Diagnosen als Begründung für ‚dysfunktionales Verhalten‘ eingebracht würden. Ich bitte hier um eine Definition des Begriffs „dysfunktional“. Was heißt das? Nicht in der neurotypischen Norm?

Ist es dysfunktional, wenn jemand allein in Ruhe arbeiten will, um Reizüberflutung zu vermeiden?

Ist es dysfunktional, Missstände und Ungerechtigkeiten klar zu benennen (Stichwort: ausgeprägter Gerechtigkeitssinn)?

Versteh mich nicht falsch – Neurodivergenz darf niemals eine Ausrede für Fehlverhalten sein. Es muss aber auch mal klar sein, dass „anders zu funktionieren“ nicht automatisch heißt, „schlechter zu funktionieren“. Barrierefreiheit ist ein Recht und sollte von Führungskräften nicht mit solchen Argumenten weggewischt werden.

Avatar von Svenja Hofert

Liebe Birgitt, danke für den Kommentar, den ich als sehr wichtig und nützlich für die Debatte empfinde. Denn: Wir müssen reden. Dysfunktional habe ich systemisch/systemtheoretisch gemeint und das wird vielleicht nicht jedem sofort klar. Ich meine also: Für die umgebenden sozialen Systeme dysfunktional. Etwas kann z.B. für das psychische System funktional, für das umgebende Teamsystem funktional sein. Etwas kann auch für das Teamsystem funktional und für das Organisationsystem dysfunktional sein - im Sinne des Systemerhalts. Mir wurden Situationen geschildert, in denen Teamsysteme nicht mehr arbeitsfähig waren, weil alle sich "abarbeiteten" am Bemühen, jemanden seine Bedürfnisse zu erfüllen. Das genau meine sich - man kann also hier wirklich nur situativ draufhauen. Das ist im übrigen oft in Kontexten, in denen fortgeschritten und offen mit Neurodiversität umgegangen wird. Ich meine, das hat mit der Überforderung von Systemen zu tun, die auf Aufgabenerfüllung ausgerichtet sind und sein müssen. Ich hoffe, das stellt klarer, was ich meine. Im SPIEGEL ist aktuell ein differenzierender Artikel aus der Perspektive eines Neurodiversen. Den finde ich sehr wichtig, denn es gibt nach außen funktionale Neurodiverse (siehe Heidi Klum) und es gibt viel mehr Fälle wie ihren. Auch ich schreibe aus meiner Perspektive, die immer begrenzt ist. Deshalb verstehe ich meine Texte als Beitrag, damit sich daraus weitere Perspektiven entwickeln. danke! herzliche Grüße Svenja Hofert

Avatar von Miriam Lochner

Deswegen nenne ich das ganze Konglomerat nur noch liebevoll Neurodingdong. ☺️

Das entschärft das Thema so schön und bringt die notwendige Prise Humor hinein, die dem Ganzen die Schwere und das Bedeutungsschwangere nimmt.

Die (freiwillige Selbst-)Etikettierung finde ich auch mehr als fragwürdig. Vor allem, wenn es permanent als Ausrede für »Kann ich nicht« herhalten muss.

Avatar von Susanne H. Keller

Sehr inspirierende Überlegungen Svenja Hofert! Allerdings müsste das,System erst einmal ADHS erkennen und ein vertieften Verständnis dafür entwickeln. Weitere Fragen betreffen Stärken und Begabungen von Menschen mit ADHS. Wie kann der Betroffene sich diese zunutze machen. ADHS kann auch eine Stärke sein.

Avatar von Svenja Hofert

absolut. Aber ist es ADHS selbst, oder das, was aus ADHS in produktiver Weise wachsen kann?

Avatar von Susanne H. Keller

Menschen mit ADHS verfügen in vielen Bereichen wie Pädagogik, Psychologie, Kunst, Wissenschaften, Informatik über eine gesteigerte Wahrnehmung und intuitives Verständnis.

Gleichzeitig sehen sie aufgrund ihrer geschärften Wahrnehmung und hohen Aufmerksamkeit Ausnahmen, gestörte Muster, Auffälligkeiten und Fehler. Ihre oftmals ständigen Hinweise auf Fehler ihrer Umgebung kann zu Irritation, Ablehnung und Ausschluss führen, was wiederum Depressionen zur Folge haben kann.

Kinder und Jugendliche mit ADHS können lernen, mit ihren Problemen adäquat umzugehen (sich das holen, was sie gerade brauchen, damit es ihnen gut geht) und gleichzeitig ihr starkes Potential voll zu entfalten.

Avatar von Christoph Forsthoff

...das ist genau das Problem: "Etiketten nicht als Endpunkte zu behandeln" - doch unser Leben, die Systeme und jede/r einzelne werden zunehmend mit Etiketten versehen, eingeordnet und abgestempelt. Weil es das Miteinander ja scheinbar so einfach und logisch erklärbar macht... und je mehr KI solche Alltags-Betrachtungen und Einordnungen übernimmt, umso stärker wird die Etikettierung des einzelnen Menschen und seiner Lebensbereiche fortschreiten: Schublade auf und Thema erledigt...

Avatar von FrankErlangen

Das ist ja nur ein Teilaspekt des postmodernen westlichen “Opferbonus” Systems. 🤷‍♂️ Im speziellen ADHS Fall handelt es sich eben um Krankheitsgewinn, ein bereits lang bekannter Vorgang.

Avatar von Marleen Oswald

spannend. Das bestätigt etwas, was ich schon länger vermute. Ich hatte mal einen Partner, der auch diagnostiziertes ADHS hatte und als Jugendlicher Ritalin gekriegt hat. Dann habe ich mehr über seine Kindheit erfahren und seine Familie kennengelernt - unsichere Bindung, hoher Stress und ein Stiefvater, der ihn seine ganze Kindheit hindurch permanent unterbrochen hat, wenn er alleine in seinem Zimmer spielen wollte. Sich in eine Sache zu vertiefen, wurde bei ihm quasi bestraft. Und auf einmal kamen mir seine ADHS-Symptome logisch vor, eine schlüssige Reaktion auf sein Umfeld.

Ähnliches konnte ich oft bei Menschen mit dieser Diagnose beobachten. Und dass Kinder dann Ritalin kriegen, anstatt sich mal die Systeme anzuschauen, macht mich wütend.

Avatar von Sabrina

Wisst ihr - als Betroffene - du sollst im Leben Schuhe anzuziehen die dir nie passen nur dass es für die anderen passt.

Ich schneide mir die Zehen nicht mehr ab, wie die Schwestern von Aschenputtel nur um den Prinz eurer Träume zu bekommen.

Mehr habe ich nicht dazu zu sagen.

Avatar von Svenja Hofert

Das lasse ich dann auch einfach so stehen. Danke.