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Avatar von Zerlumpter Doktor

Zunächst einmal: Die inflationäre Nutzung der ADHS-Diagnose ist ein reales Problem – da stimme ich zu. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Diagnosen auch deshalb „mal eben schnell" ausgestellt werden, weil antrainierte Dopamin-Dysregulation durch Social-Media-Konsum symptomatisch kaum von ADHS zu unterscheiden ist.

Damit stoßen wir allerdings sofort auf das erste gesellschaftliche Strukturproblem: Die Differenzialdiagnose von ADHS und ASS wird von gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen. Je nach Praxis kostet sie privat rund 700 Euro – eine Barriere, die viele Betroffene schlicht nicht überwinden können. Ohne diese Diagnostik bleibt unklar, ob eine Symptomatik tatsächlich auf ADHS zurückzuführen ist, auf Autismus-Spektrum-Störung, auf bindungsbiografische Prägung oder eben auf eine erworbene Dysregulation.

Für die unmittelbare Lebensrealität der betroffenen Person ist die genaue Diagnose allerdings zunächst zweitrangig, denn Zustand ist Zustand. Auch eine antrainierte Dopamin-Dysregulation durch Medienkonsum ist als Suchterkrankung ein Zustand: grundsätzlich reversibel, anders als ADHS. Aber das ändert kurzfristig wenig an den Lebensumständen der Person und beeinträchtigt sie erheblich. Und nein: ein bisschen Disziplin hilft bei einer Suchterkrankung nicht. Die Unterscheidung zwischen den Ursachen bleibt dennoch relevant, nicht für die Betroffene selbst, wohl aber für die Frage, welche Unterstützung tatsächlich greift.

Bei ADHS, Autismus-Spektrum-Störung und Tourette-Syndrom sprechen wir von dysfunktionaler Neurodivergenz. Und die bedeutet im soziologischen Sinne eine Behinderung. Nicht eine Beeinträchtigung des Individuums, sondern eine Behinderung durch die Gesellschaft. Diese Unterscheidung ist nicht semantisch, sondern politisch.

(Eine kurze Klammer, weil der Begriff Neurodivergenz zu Recht Rückfragen provoziert: Auch Psychopathie ist neurologisch eine Form von Divergenz. Aber eben keine dysfunktionale im hier gemeinten Sinne. Der entscheidende Unterschied liegt im gesellschaftlichen Impact: Dysfunktionale Neurodivergenz wie ADHS, ASS oder Tourette entsteht im Reibungsverhältnis zur normativen Umwelt. Psychopathie hingegen operiert gegen das soziale Gefüge. Der Begriff braucht diese Präzision, damit er nicht als Freifahrtschein missverstanden wird.)

Das soziale Modell von Behinderung – entwickelt u.a. durch Mike Oliver und die Disability Studies – macht genau diesen Punkt: Nicht die Person ist das Problem, sondern die Barrieren, die eine Gesellschaft errichtet. Und hier wird es konkret unbequem:

Warum gibt es keine Ruhebereiche in Klassenzimmern? Warum wurden Großraumbüros bis heute nicht abgeschafft? Warum pressen wir Menschen mit einem anderen neurologischen Betriebssystem in starre 9-to-5-Strukturen? Und wer trägt eigentlich die Kosten – finanziell wie gesundheitlich – für den permanenten Energieaufwand, den neurodivergente Menschen betreiben, um in einer normativ konstruierten Welt als „normal" durchzugehen?

Diese Personen haben eine signifikant geringere Lebenserwartung, passen sich mit horrenden gesundheitlichen Eigenkosten an eine Gesellschaft an, die das schlicht nicht sieht. Und sie geraten dann zusätzlich zur neurobiologischen Behinderung oftmals in den Burnout durch diese Zusatzbelastungen.

Dysfunktionale Neurodivergenz ist letztlich genau das: ein anderes Betriebssystem. Eines, das in einer normativ konstruierten Welt permanent einen Übersetzer benötigt. Nicht weil es defekt wäre, sondern weil die Umgebung keine Kompatibilität herstellt.

Das Problem sind nicht die Diagnosen. Das Problem ist eine Gesellschaft, die Flexibilität verweigert, in Schubladen denkt und unsichtbare Barrieren für genau jene Menschen aufrechterhält, für die Inklusion längst überfällig wäre.

Avatar von Alex

Hallo Svenja,

danke für deine Darstellung der Situation. Ich finde diese Symptom-Medizin ebenfalls schrecklich. Dass andere Interpretationen hier im Mainstream-Gewäsch und 5-Fragen-Analysen untergehen ist fatal. Die Uminterpretation des neuen ICD zeigt die Hilflosigkeit der Schulmedizin mit der Komplexität menschlichen Lebens (auch und besonders im Psychischen).

Allerdings habe ich auch etwas Kritik. Ich empfand es als sehr verletzend, ADHS als dysfunktional beschrieben zu sehen. Meine Erfahrung mit ADHS-Diagnostizierten ist eher, dass sie sich als alternativ wahrnehmend und denkend betrachten - nicht als überlegen oder kaputt. Die Teilung in Funktionale und Dysfunktionale, Schwarze, Rote und Weiße oder wie auch immer sonst ist kein Problem mit ADHS, sondern mit sehr begrenztem Horizont. Der Algorithmus tut, wie du schon schreibst, sein Restliches. Er macht jeden Pups zum Gewitter.

Oft sind die Ursachen, wie von dir ja auch schon angedeutet, aber erst einmal sekundär. Meine späte ADHS-Diagnose ist recht eindeutig, weil sie sich über drei Generationen rückverfolgen lässt. Ob das genetisch oder sozial erlernt und weitergegeben ist, ist für die Erleichterung unerheblich, die es mir brachte. Zu verstehen, warum ich mit dem Normalen trotz gesundem Körper und hohem IQ über Jahrzehnte so massive Probleme hatte, war eine Befreiung. Meine nie abgerufenen Stärken anerkannt zu sehen und sie bewußt einsetzen zu können, hat mein komplettes Leben gedreht.

Und ja: Die alten, erlernten Muster bleiben; die Maskierungen lassen sich nicht in Tagen oder Monaten ablegen. Die Diagnose mag weder abschliessend noch bis zum Urgrund geschehen sein.

Aber sie hilft und sie schafft Orientierung und neue Stärke. Sie ist ein neuer Anfang.

Ich verstehe deinen Ärger. Ich finde es aber keine gute Idee, das an diesem spezifischen Thema abzuarbeiten.

Was du kritisierst hat aus meiner Sicht mit ADHS nur symptomatisch zu tun.

Ziel deines Ärgers sind (medizinische) Modeerscheinungen, menschliche Engstirnigkeit und Schuldverschiebungstendenz. Dazu die immer unerträglicher werdende Lautsprecherwirkung des Internets (mit Algorithmen und KI). Stattdessen ist dein Thema Neurodiversität.

Im Grunde könnte ich sagen, der Artikel tut genau, was er kritisiert. Symptome mit Ursachen verwechseln.

Trotzdem noch einmal Danke. Auf der Metaebene helfen mir deine Zeilen dennoch. Ich würde mich sehr über einen Artikel freuen, der verschiedene Sichtweisen der Ansätze der Ursachen von ADHS nebeneinander ausführlicher beleuchtet.

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