Es nervt!
ADHS: Warum uns eine andere Frage viel mehr beschäftigen sollte (163)
Diese Woche in der Straßenbahn: Eine Gruppe etwa 13-jähriger Mädchen spricht über eine Mitschülerin, der man ADHS attestiert. Im Hotel: Der Barmann outet sich — „hab ADHS”. In der Supervisionsgruppe bringe ich das Thema ein: siebenköpfiges Augenrollen. Und dann funkt es mir auch noch im Coaching rein. Denn immer mehr Führungskräfte haben damit zu tun, dass irgendjemand eine Diagnose als Begründung für dysfunktionales Verhalten im Team einbringt.
Warum nervt es, spaltet es, baut sich eine derartige Industrie um ein paar Buchstaben auf? Ein „zertifizierter ADHS-Coach” nach 8-Stunden-Kurs ploppt mir bei Instagram entgegen. Dass dieses „Produkt” angeblich 4,9 Sterne hat, lässt meinen Blutdruck kurz steigen. Ja, da ist Ärger.
Es ist in gewisser Weise wie vor etwa einem Jahrzehnt bei Hochsensibilität, nur in der Breitenwirkung deutlich schlimmer. Oder auch damals, Anfang der 2000er, als absolut jedes Kind hochbegabt sein sollte. Damals gab es noch nicht so viele Kopierer und kein Brennglas namens Algorithmus, der einen zwingt, es zu hören, zu sehen, zu merken. Es wächst zusammen mit gesellschaftlichen Wellen, in deren Folge plötzlich die „Neurotypischen” unter Rechtfertigungsdruck geraten — befeuert durch Aussagen wie die von Alex Karp, CEO des umstrittenen US-Unternehmens Palantir. Karp hatte gesagt, in Zukunft würden nur zwei Gruppen überleben: Menschen mit handwerklichen Fähigkeiten und Neurodivergente - gemeint sind Menschen mit ADHS, Autismus und Ähnlichem. Genau diese „anderen” Gehirne seien der Rohstoff des KI-Zeitalters.
Das Etikett und sein Börsenwert
Solche Aussagen lassen den Börsenwert eines Etiketts steigen. Und wie das bei Etiketten so ist, passen sie plötzlich auf alles, was man mit Begriffen wie unkonzentriert, hibbelig oder “kreatives Chaos” assoziiert. In der Theorie von Julius Kuhl aktiviert ein Etikett das Objekterkennungssystem OES. Es zoomt sich in Details. Der Blick richtet sich auf einen kleinen Punkt, blendet alles andere aus. Im multiplen Rauschen gibt es dann nur noch einen Ton. Im bunten Bild ist plötzlich alles… rot. Die Umgebung wird ausgeblendet. Es ist nicht mehr Mensch in Landschaft, sondern ein Aspekt, der in den Vordergrund tritt, während alles andere nach hinten rückt. Das OES ist bei Kuhl eines von vier Systemen - und nur im Zusammenspiel mit den anderen entsteht ein kontextangemessenes Bild.
Kontextangemessen betrachtet sind Verhaltensweisen wie kreatives Denken oder leichte Ablenkbarkeit zunächst nur Beobachtungen. Beobachtungen, die eine bestimmte Brille brauchen, um als Störung zu gelten. Die Bewertung liegt nicht im Verhalten selbst - sondern im System, das bewertet.
Je weniger wir wissen, desto trivialer sind unsere Urteile. Je mehr wir wissen, desto schwerer fallen sie. 13-jährige Schülerinnen wissen für gewöhnlich nicht, dass sich neurobiologische Besonderheiten und soziale Prägungen nicht sauber voneinander trennen lassen - und das Henne-Ei-Problem damit unlösbar ist. Nehmen wir einen Forschungsfakt: Unsichere Bindung ist bei Menschen mit ADHS-Diagnose deutlich überrepräsentiert. Pinto et al. haben in einer Meta-Analyse über 26 Studien gezeigt, dass unsichere Bindung signifikant mit ADHS-Symptomen korreliert - Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, emotionale Dysregulation. Bindungsstile sind das früheste Regulationssystem, das ein Mensch entwickelt. Sie betreffen genau die Funktionen, die bei ADHS als gestört gelten. Das ist der Kern einer der größten Debatten in Psychiatrie und Entwicklungspsychologie - und er taucht in keinem 8-Stunden-Kurs auf.
Ich habe viele Menschen erlebt, bei denen eine Diagnose - von was auch immer - wichtig für die berufliche und persönliche Findung und Entwicklung war. Aber sie entlastet nicht vom Zurechtkommen in der Welt. Und davon, weiter neugierig auf die Reise sein, der zu werden, der man sein kann UND will, darf und kann in dieser Welt.
Was die Forschung sagt - und was sie ausblendet
Phänomenologisch sind viele Symptome identisch, egal ob die Ursache neurobiologisch oder bindungsbiografisch ist. Aufmerksamkeitsprobleme, Impulsivität, emotionale Dysregulation - das sieht im Verhalten alles gleich aus. Diagnosesysteme wie DSM und ICD fragen nach Symptomen, nicht nach Ursachen. Das heißt, jemand mit traumatischer Bindungsgeschichte kann dieselbe ADHS-Diagnose bekommen wie jemand mit primär genetischer Disposition — aber nicht dieselbe Therapie brauchen.
Neurobiologisch gibt es ebenfalls keine sauberen Abgrenzungen. Chronischer früher Stress verändert den präfrontalen Kortex, die Amygdala, das Dopaminsystem - auf eine Weise, die sich von „angeborenem” ADHS nicht unterscheiden lässt. Die Prägung wird Biologie. Oder umgekehrt.
Interventionen wirken manchmal unabhängig von der Ursache: Methylphenidat erhöht Dopamin - egal warum der Dopaminhaushalt dysreguliert ist. Das erklärt, warum Medikamente bei vielen funktionieren, ohne dass die Frage „woher kommt das?” je beantwortet wurde.
Systeme haben keine Diagnose
Doch die Haltung dahinter ist nicht egal. Wer eine Diagnose biologisiert, entlastet die Systeme, die möglicherweise Teil der Ursache sind. Familie. Schule. Unternehmen. Solange wir das Individuum diagnostizieren, stellen wir nie die richtigen Fragen. Das ist keine Kleinigkeit - das ist eine politische Entscheidung, die im Gewand der Medizin daherkommt.
Genau hier ist Kuhls Ansatz wegweisend: Er fragt nicht „was ist defekt?”, sondern welches System übernimmt, wenn ein anderes blockiert ist. Das ist eine funktionale, keine pathologische Sichtweise. Und sie erfordert, dass wir Etiketten nicht als Endpunkt behandeln. Es ist wichtig, auch immer die Funktionalität im Blick zu behalten.
Was ist funktional für den Menschen? Eine Diagnose kann identitätsbildend sein - und damit richtig und gut. Aber auch: Was ist gut für seine Entwicklung: Da kann es sein, dass die Diagnose wie ein Brennglas nur einen Aspekt fokussiert, was entwicklungshemmend wirkt. Letztlich geht es auch um das umgebende System? Was ist ein für alle funktionaler Umgang mit solchen Etiketten? Braucht man sie oder besser nicht?
Die eigentlich drängende Frage lautet nicht: Hat diese Person dieses oder jenes? Sondern: In welchem System befindet sie sich - und was hält dieses System davon ab, ihr zu geben, was sie braucht? Und wie werden wechselseitige Beziehungen mit anderen möglich?
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Noch mehr zum Weiterdenken
Mein Podcast-Interview mit Prof. Dr. Andre Zimpel findet sehr viel Zuspruch - hier im Video
Im DERSPIEGEL findet sich aktuell ein Dossier über das Anderssein. Hinter der Paywall.
Meinen Karriereanker für Neurodiversität könnt ihr hier ausprobieren und mir gern Feedback geben. Man darf dafür auch ganz normal sein :-) Und nein, nicht für Ettiketten - für Vielfalt




Zunächst einmal: Die inflationäre Nutzung der ADHS-Diagnose ist ein reales Problem – da stimme ich zu. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Diagnosen auch deshalb „mal eben schnell" ausgestellt werden, weil antrainierte Dopamin-Dysregulation durch Social-Media-Konsum symptomatisch kaum von ADHS zu unterscheiden ist.
Damit stoßen wir allerdings sofort auf das erste gesellschaftliche Strukturproblem: Die Differenzialdiagnose von ADHS und ASS wird von gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen. Je nach Praxis kostet sie privat rund 700 Euro – eine Barriere, die viele Betroffene schlicht nicht überwinden können. Ohne diese Diagnostik bleibt unklar, ob eine Symptomatik tatsächlich auf ADHS zurückzuführen ist, auf Autismus-Spektrum-Störung, auf bindungsbiografische Prägung oder eben auf eine erworbene Dysregulation.
Für die unmittelbare Lebensrealität der betroffenen Person ist die genaue Diagnose allerdings zunächst zweitrangig, denn Zustand ist Zustand. Auch eine antrainierte Dopamin-Dysregulation durch Medienkonsum ist als Suchterkrankung ein Zustand: grundsätzlich reversibel, anders als ADHS. Aber das ändert kurzfristig wenig an den Lebensumständen der Person und beeinträchtigt sie erheblich. Und nein: ein bisschen Disziplin hilft bei einer Suchterkrankung nicht. Die Unterscheidung zwischen den Ursachen bleibt dennoch relevant, nicht für die Betroffene selbst, wohl aber für die Frage, welche Unterstützung tatsächlich greift.
Bei ADHS, Autismus-Spektrum-Störung und Tourette-Syndrom sprechen wir von dysfunktionaler Neurodivergenz. Und die bedeutet im soziologischen Sinne eine Behinderung. Nicht eine Beeinträchtigung des Individuums, sondern eine Behinderung durch die Gesellschaft. Diese Unterscheidung ist nicht semantisch, sondern politisch.
(Eine kurze Klammer, weil der Begriff Neurodivergenz zu Recht Rückfragen provoziert: Auch Psychopathie ist neurologisch eine Form von Divergenz. Aber eben keine dysfunktionale im hier gemeinten Sinne. Der entscheidende Unterschied liegt im gesellschaftlichen Impact: Dysfunktionale Neurodivergenz wie ADHS, ASS oder Tourette entsteht im Reibungsverhältnis zur normativen Umwelt. Psychopathie hingegen operiert gegen das soziale Gefüge. Der Begriff braucht diese Präzision, damit er nicht als Freifahrtschein missverstanden wird.)
Das soziale Modell von Behinderung – entwickelt u.a. durch Mike Oliver und die Disability Studies – macht genau diesen Punkt: Nicht die Person ist das Problem, sondern die Barrieren, die eine Gesellschaft errichtet. Und hier wird es konkret unbequem:
Warum gibt es keine Ruhebereiche in Klassenzimmern? Warum wurden Großraumbüros bis heute nicht abgeschafft? Warum pressen wir Menschen mit einem anderen neurologischen Betriebssystem in starre 9-to-5-Strukturen? Und wer trägt eigentlich die Kosten – finanziell wie gesundheitlich – für den permanenten Energieaufwand, den neurodivergente Menschen betreiben, um in einer normativ konstruierten Welt als „normal" durchzugehen?
Diese Personen haben eine signifikant geringere Lebenserwartung, passen sich mit horrenden gesundheitlichen Eigenkosten an eine Gesellschaft an, die das schlicht nicht sieht. Und sie geraten dann zusätzlich zur neurobiologischen Behinderung oftmals in den Burnout durch diese Zusatzbelastungen.
Dysfunktionale Neurodivergenz ist letztlich genau das: ein anderes Betriebssystem. Eines, das in einer normativ konstruierten Welt permanent einen Übersetzer benötigt. Nicht weil es defekt wäre, sondern weil die Umgebung keine Kompatibilität herstellt.
Das Problem sind nicht die Diagnosen. Das Problem ist eine Gesellschaft, die Flexibilität verweigert, in Schubladen denkt und unsichtbare Barrieren für genau jene Menschen aufrechterhält, für die Inklusion längst überfällig wäre.
Hallo Svenja,
danke für deine Darstellung der Situation. Ich finde diese Symptom-Medizin ebenfalls schrecklich. Dass andere Interpretationen hier im Mainstream-Gewäsch und 5-Fragen-Analysen untergehen ist fatal. Die Uminterpretation des neuen ICD zeigt die Hilflosigkeit der Schulmedizin mit der Komplexität menschlichen Lebens (auch und besonders im Psychischen).
Allerdings habe ich auch etwas Kritik. Ich empfand es als sehr verletzend, ADHS als dysfunktional beschrieben zu sehen. Meine Erfahrung mit ADHS-Diagnostizierten ist eher, dass sie sich als alternativ wahrnehmend und denkend betrachten - nicht als überlegen oder kaputt. Die Teilung in Funktionale und Dysfunktionale, Schwarze, Rote und Weiße oder wie auch immer sonst ist kein Problem mit ADHS, sondern mit sehr begrenztem Horizont. Der Algorithmus tut, wie du schon schreibst, sein Restliches. Er macht jeden Pups zum Gewitter.
Oft sind die Ursachen, wie von dir ja auch schon angedeutet, aber erst einmal sekundär. Meine späte ADHS-Diagnose ist recht eindeutig, weil sie sich über drei Generationen rückverfolgen lässt. Ob das genetisch oder sozial erlernt und weitergegeben ist, ist für die Erleichterung unerheblich, die es mir brachte. Zu verstehen, warum ich mit dem Normalen trotz gesundem Körper und hohem IQ über Jahrzehnte so massive Probleme hatte, war eine Befreiung. Meine nie abgerufenen Stärken anerkannt zu sehen und sie bewußt einsetzen zu können, hat mein komplettes Leben gedreht.
Und ja: Die alten, erlernten Muster bleiben; die Maskierungen lassen sich nicht in Tagen oder Monaten ablegen. Die Diagnose mag weder abschliessend noch bis zum Urgrund geschehen sein.
Aber sie hilft und sie schafft Orientierung und neue Stärke. Sie ist ein neuer Anfang.
Ich verstehe deinen Ärger. Ich finde es aber keine gute Idee, das an diesem spezifischen Thema abzuarbeiten.
Was du kritisierst hat aus meiner Sicht mit ADHS nur symptomatisch zu tun.
Ziel deines Ärgers sind (medizinische) Modeerscheinungen, menschliche Engstirnigkeit und Schuldverschiebungstendenz. Dazu die immer unerträglicher werdende Lautsprecherwirkung des Internets (mit Algorithmen und KI). Stattdessen ist dein Thema Neurodiversität.
Im Grunde könnte ich sagen, der Artikel tut genau, was er kritisiert. Symptome mit Ursachen verwechseln.
Trotzdem noch einmal Danke. Auf der Metaebene helfen mir deine Zeilen dennoch. Ich würde mich sehr über einen Artikel freuen, der verschiedene Sichtweisen der Ansätze der Ursachen von ADHS nebeneinander ausführlicher beleuchtet.