Die Agenten kommen!
Nr. 152: Was das KI-Zeitalter für die Arbeitswelt bedeuten könnte
Es ist passiert. Claude von Anthropic hat die KI in ein neues Zeitalter geführt. Wir haben es nicht mehr nur mit flirtenden Chatbots zu tun, sondern mit echten Agenten. Und das hat Folgen: Wenn Agenten zusammenhängende Aufgaben übernehmen, werden Menschen überflüssig. In einem Szenario entstehen dann keine neuen Jobs - und der Konsum schwindet. Dieses Szenario ist der Kern eines Gedankenexperiments von Citrini, das diese Woche für Wirbel gesorgt hat. Worum geht es?
Agenten arbeiten eigenständig.
Sie buchen Reisen, führen Verhandlungen; sie übernehmen all das, was im Office bisher Handarbeit war – und vielfach noch ist. Es geht auch um sowas wie den Umgang mit MS Office, inzwischen sogar mit PowerPoint. Sie führen Einkaufskriege, wenn man sie lässt – von den richtigen ganz zu schweigen. Sie räumen deine Ablage auf. Sie machen viel mehr, als die meisten von uns für möglich halten, wenn sie Claude noch nicht ausprobiert haben. Die Folge, wenn man das weiterdenkt: Selbstständige Agenten schöpfen jeden Vorteil aus. Sie kaufen nirgendwo aufgrund persönlicher Bindungen; sie wollen einfach nur eins: den besten Preis. Es wird billiger, aber…
Sie machen all das, was bisher Menschen mit kaufmännischen Abschlüssen, mit BWL-Bachelor und teils auch Master gemacht haben. Eben nicht mehr nur als Einstiegsjob, sondern teils ein ganzes Berufsleben lang.
Nicht nur Agenten werden Realität, auch die Chatbots werden besser: SWOT-Analysen, Strategiepapiere, einfache Business Cases: geschenkt. Was ein Junior-Berater früher lernen musste, geht nun per Knopfdruck. Es betrifft HR, Marketing ganz besonders, aber eben auch das Controlling Ich habe ein einfaches Experiment gemacht. Hätte Claude das Risiko gefunden, das uns vor einigen Jahren steuerlich gefährlich geworden war? Sofort. Insofern sollten sich auch Steuerberater warm anziehen.
Das hat schon jetzt Folgen, wo nur sehr wenige First Mover diese Dinge ausprobieren. Was etwa mit Software-as-a-Service-Anbietern gerade passiert, kann man an der Börse beobachten: Sie werden teils geschreddert. Das betrifft Workday oder Personio im HR-Bereich, aber auch Größen wie Salesforce und SAP. Sebastian Kleins KI-Strategie glaubt gerade kein Analyst mehr, habe ich gelesen.
KI verschiebt die Wertschöpfung von der Oberfläche zur Intelligenzschicht.
Was in dieser Woche den kleinen Börsencrash ausgelöst hat, weiß man nicht genau. Aber das Citrini-Gedankenexperiment hier auf Substack könnte dazu beigetragen haben. Was passiert, wenn künstliche Intelligenz nicht nur unterstützt, sondern in großem Stil ersetzt? Wenn KI die “mittlere” Wissensarbeit ersetzt? Also das, was Innendienstmitarbeiter, Analysten, Juristen, Berater, Controller, Einkäufer oder Personalkaufleute machen.
Man tut, was man tun muss unter wirtschaftlichem Druck. Wenn Unternehmen feststellen, dass KI schneller, günstiger und rund um die Uhr verfügbar ist, dann wird sie eingesetzt werden. Zunächst ergänzend, dann substituierend und schließlich strukturell. Man tut, was man tun kann: In deutschen Verwaltungen wird es deshalb vermutlich langsamer gehen, solange kein Musk zuschlägt. Aber die Politik könnte auch dort über Sparzwang beschleunigen. Und natürlich: über Disruption.
Was, wenn keine neuen Jobs entstehen? Oder keine Jobs, die der Produktivität dienen?
Auch die Industrialisierung hat Jobs vernichtet und neue geschaffen, so zitieren es alle, die beruhigen wollen. Doch was, wenn der zweite Teil diesmal ausbleibt? Was, wenn die neue Technologie nicht nur bestehende Arbeit ersetzt, sondern auch den Bedarf an menschlicher Arbeit in neu entstehenden Feldern minimiert? Oder: Wenn neue Jobs nicht produktiv geschaltet werden können?
Es braucht sicher allein im sozialen Bereich wahnsinnig viel - aber wer zahlt dafür, dass wir uns - zum Beispiel - nun intensiver um Bildung und Integration kümmern könnten? Die Gelder sind derzeit nicht da, woher sollen sie kommen, wenn weniger Steuern da sind? Und Agenten zahlen derzeit keine Steuern.
Und wenn unsere Systeme einfach nur skaliert werden, drehen sich die Produktivitätsgewinne wie Citrini zeigt, möglicherweise im Kreis.
Die Folgen: Wenn Agenten steuer- und abgabenfrei arbeiten, Mitarbeitende aber freigesetzt werden, sinken die Einkommen dramatisch, sofern die Freigesetzten nicht neue, produktivere Unternehmen gründen. Was hierzulande unwahrscheinlich ist schon aufgrund unserer Altersstruktur. Ich irre mich gern.
Was passiert, wenn Produktivität steigt, aber Einkommen sinken, weil immer weniger Menschen an der Wertschöpfung beteiligt sind?
Im Gedankenexperiment kippt das System wegen fehlender Nachfrage. Eine hochproduktive Wirtschaft trifft auf eine einkommensgeschwächte Mittelschicht. Unternehmen sind hochproduktiv, verlieren aber zahlungskräftige Kunden. Konsum bricht ein, Investitionen werden zurückgefahren. Ein klassischer negativer Rückkopplungseffekt, ausgelöst durch kognitive Automatisierung.
Märke sind soziale Arrangements
Wir haben über Jahrzehnte Effizienz als oberste Maxime kultiviert. Lean, automatisiert, optimiert. Doch Märkte sind soziale Arrangements. Wenn zu viele Menschen abgehängt werden, verliert das System seine Stabilität. Citrini spricht kaum darüber, was das in der Bevölkerung auslösen könnte. Die Ungerechtigkeit würde eine neue Dimension erreichen. Das System könnte kippen. Und die Politik? Sie begreift, so scheint es, noch nicht, was da möglich ist. Sagen es Merz’ Berater? Weiß er wirklich, was heute schon machbar ist?
„Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können.“ Friedrich Merz 2024
Ein solches Zitat kann man kaum formulieren, wenn man sieht, was KI schon jetzt und erst recht in zwei Jahren möglich machen wird. Das ist der Zeithorizont von Citrini. Dann geht es nicht mehr um kleine Verschiebungen, sondern um grundlegende Systemfragen. Eine strukturelle Anpassung wäre keine Option mehr, sondern Notwendigkeit. Fraglich, ob unser System diese Anpassungsleistung schaffen kann.
Ich erlebe derzeit zwei extreme Reaktionen. Die einen glauben, KI werde alles transformieren, und wer nicht sofort radikal umstellt, sei verloren. Die anderen halten das für übertriebenen Hype. Das Gedankenspiel von Citrini zwingt zu einer dritten Perspektive: Es ist nicht die Frage, ob KI kommt, sondern wie ihre Verteilungseffekte gestaltet werden. Wir müssen ganzheitlicher ran.
Für mich ergeben sich daraus fünf Einsichten.
Produktivitätssteigerung ist kein Selbstzweck - es braucht zirkuläre Perspektiven. Wenn Effizienzgewinne nicht in gesellschaftliche Teilhabe übersetzt werden, entsteht ein strukturelles Ungleichgewicht. Oder anders: Wenn Agenten keine Steuern zahlen, fehlt dem System eine zentrale Finanzierungsbasis.
Der Arbeitsmarkt ist kein isolierter Bereich, sondern Teil eines zirkulären Systems- wir müssen das zusammen denken. Einkommen generieren Nachfrage, Nachfrage stabilisiert Unternehmen, Unternehmen schaffen Arbeitsplätze. Wenn Unternehmen nur noch abbauen, haben sie irgendwann niemanden mehr, der kaufen und konsumieren kann. Von den politischen Folgen ganz zu schweigen.
Wissensarbeit ist betroffen wie nie zuvor - wir müssen handeln. Lange galt sie als sicherer Hafen gegenüber Automatisierung. Ein Studium als Garant für soziale Sicherheit. Dieses Sicherheitsnarrativ bröckelt. Das verändert Identitäten, Karrieremuster und Bildungsentscheidungen – und damit weit mehr als nur Stellenprofile.
Märkte reagieren auf Erwartungen - Appelle an Verantwortung reichen nicht. Wenn Unternehmen antizipieren, dass menschliche Arbeit mittelfristig obsolet wird, beschleunigen sie genau diesen Prozess. Sie werden sich bei der Suche nach Top-Kräften nicht mehr an nationale Grenzen halten. Entscheidend ist immer, was möglich ist. Man stellt Menschen ein, die irgendwo auf der Welt sind, weil sie etwas können.
Technologischer Wandel muss gestaltet werden - und nicht einfach antizipiert. Er folgt keiner Naturgewalt, sondern ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen. Die Frage ist nicht, ob KI Arbeitsmärkte verändert, sondern welche Leitplanken wir setzen. Investieren wir in Umschulung, in neue Formen der Wertschöpfung, in Modelle jenseits reiner Effizienzlogik? Wir dürfen die Dynamik nicht ausschließlich dem kurzfristigen Kostendruck überlassen, denn damit schneiden wir uns selbst ins Bein. Komplexes Denken ist für das Management wichtiger denn je. Aber was machen wir mit all denen, die sich damit nicht befassen wollen?
Gedankenexperimente sind keine Prognosen. Sie machen Perspektiven sichtbar. Das Citrini-Szenario konfrontiert uns mit der unbequemen Möglichkeit, dass Fortschritt ohne Verteilungsintelligenz zu Instabilität führen kann. Natürlich kann es ganz anders kommen. Dass das Experiment aber auf so fruchtbaren Boden fiel, zeigt, wie sehr wir diese Perspektive bereits intuitiv erahnen.
Die entscheidende Arbeit liegt nicht im Code, sondern im Diskurs darüber, was wir unter Wert, Arbeit und Teilhabe verstehen.
Über mich
Mein Motto ist Weiterdenken. Ich verbinde einen anderen Blickwinkel mit dem Anspruch, den Diskurs und Veränderungen gesund zu gestalten.
Das tue ich in meinen Substack-Kolumnen, Podcasts und in meiner Arbeit als Buchautorin, Ausbilderin, Beraterin und Coach. Mein Angebot findest du in meiner Akademie. Dort gibt es monatliche Termine.





Wie beurteilst du jene Meldung, wonach KI die Arbeit verdichtet?
Liebe Svenja,
natürlich sehe ich auch die Effekte dieser größten Disruption aller Zeiten. Aktuell machen sich viele Menschen in meinem persönlichen Umfeld Sorgen. Aber es gibt wichtige Stellhebel, die ich wichtig finde, nicht unerwähnt zu lassen, und ich finde es wichtig, jetzt gestalten zu wollen und nicht zu verzagen.
1. Volkswirtschaftlich erhöht KI vor allem die Produktivität. Es ist darum wirklich wichtig, zu fragen, wie dieser Produktivitätszuwachs verteilt wird.
2. KI ermöglicht auch neue Aufgaben, die nicht durch, sondern mit der KI erledigt werden. So wie es bei Dampfmaschine oder Grafik-PCs auch passiert ist. Ich analysiere Teams in Change-Prozessen heute schneller und mit einer Vielzahl von Hypothesen mit KI, aber eine KI allein würde es so nicht tun.
3. 25% der Weltbevölkerung leben in Verhältnissen, in denen mehrere fundamentale Infrastrukturen fehlen. (3,4 Mrd. ohne Sanitärversorgung, 2,2 Mrd. ohne sauberes Wasser etc.) Der Gedanke, dass wir alle bald nichts mehr zu tun haben, ist angesichts der Realitäten außerhalb von Wissensarbeit in den Industrienationen eher nicht naheliegend.
4. Es gibt viele Bereiche, in denen wir langsame, unzuverlässige, aber vor allem intuitive – eben menschliche – Arbeit zunehmend schätzen werden:
- sozial-emotionale Bereiche
- rechtlich/ethische Entscheidungen
- Umgang mit Widersprüchen, Aushandeln von Kompromissen
- physische Arbeit in unstrukturierten Umgebungen (z.B. Umwelt- und Artenschutz)
- Menschen begeistern und inspirieren
etc.
Dies sind herausfordernde Zeiten, aber umso mehr ist es wichtig, auf vielen Ebenen zu versuchen, das Heft in die Hand zu nehmen. Persönlich und gesellschaftlich.