Die Gnade des Vergessens
Warum Vergessen wichtiger ist als Neues (165)
Mein Vater hat fast alles vergessen. Borussia Dortmund, den Garten, den Hund. Er weiß aber noch, dass er eine Tochter hat. An den jung verstorbenen Sohn erinnert er sich nur, wenn ein Foto etwas in ihm aktiviert, das er nicht in Worte fassen kann. Wenn ich komme, frage ich: Weißt du, wer ich bin? Dann strahlt er verschmitzt. Das ist selten. Er lebt in sich.
Demenz ist die ultimative Form des Vergessens. Es gibt aber auch viele andere. Vergessen ist eine Form von Lernen, die völlig unterbewertet wird. Meine Freundin Dinah erinnert sich an alles. Sie weiß noch, dass ich 1989 meinen Balkon rot gestrichen habe. Ich kann mir das gar nicht mehr vorstellen. Es ist völlig weg. Ich erinnere mich an einen Bruchteil dessen, was sie behalten hat: auch von gemeinsamen Ereignissen ist nicht viel übrig außer das Gefühl von Vertrautheit und ein paar innere Bilder. Zum Beispiel wie sie an irgendeinem Silvester mit meinem damaligen Freund im Kölner Subway auf mich gewartet hat. Das war damals eine bekannte Jazzkneipe, und ich stand hinter der Bar.
Auch meine Kindheit ist immer besser geworden. In einem Bindungsfragebogen schneide ich heute weitgehend „sicher gebunden” ab. Das war zwischenzeitlich anders: Da hatte ich mich daran erinnert, dass meine Mutter mich einfach aus meinem sozialen Umfeld gerissen und in eine neue Familie gesetzt hat, auf die ich mit geballter Veränderungsresistenz reagierte. Den Ärger habe ich längst verarbeitet, und heute sehe ich auf das, an das ich mich erinnere, mit Liebe und Humor. Verzeihen, das wird mir mehr und mehr bewusst, ist eine Form des Vergessens negativer Gefühle und ein Verschieben der Aufmerksamkeit auf den anderen. Das Verstehen von zeitlichen Zusammenhängen - und systemischen Prägungen.
Gerade habe ich drei Tage „Systemisch Führen” mit einer kleinen Gruppe von vier Personen hinter mir. Am ersten Tag kam einer der Teilnehmer mit einem Rucksack voller Steine in den Workshop. Man sah es im Gesicht, hörte es im Sprachtempo. Nach drei Tagen hatte er das noch nicht vergessen, aber er konnte plötzlich auf den Rucksack sehen, und Steine waren rausgenommen. Irgendwann, das weiß ich, wird er nicht mehr viel davon wissen, was wir inhaltlich gemacht haben, aber ein Gefühl wird bleiben. Vielleicht war es sogar ein Wendepunkt für ihn.
In den Veränderungen, die wir alle gerade durchlaufen müssen, geht es viel ums Lernen und Neulernen. Wir sollen resilient sein. Diese Woche befragte mich ein Redakteur der Frankfurter Rundschau zu „Agency“. Das ist aus meiner Sicht eine Art Erweiterung von Selbstwirksamkeit aufs System. Nach Bandura beschreibt es die menschliche Fähigkeit, die eigene Lebensgestaltung und die Umstände durch gezieltes Handeln aktiv zu beeinflussen. Um Agency zu erleben, muss man auch vergessen. Das ist der wichtigste Punkt: Wer sich bislang nicht als handelnd erlebt hat, muss seine Aufmerksamkeit auf Spuren des eigenen Handelns lenken, die es immer schon gab, nur übersehen wurden.
Die Sucht nach dem Neuen
Oft wird nicht verstanden, wie wichtig Vergessen ist und wie gefährlich „Neues hinzufügen“ sein kann. Volkswagen schaffte es in die Medien, weil es ausgerechnet in der Woche der Ankündigung weiterer Entlassungen und Schließungen die KI „Ello” für mentale Gesundheit launchte.
Mentale Gesundheit hat viel mit dem sanften Ausschleichen belastender Erinnerungen und der Veränderung von Aufmerksamkeit zu tun. Aber hier kam, dem öffentlichen Shitstorm nach zu urteilen, einfach etwas obendrauf, das genau das Gegenteil bewirkte. „Ell0” wurde riesengroß. Unser Gehirn verfolgt kein Ziel wie „Wahrheit” oder „Glück”. Sein oberstes Prinzip ist Effizienz. Es versucht, mit möglichst geringem Energieaufwand möglichst gute Vorhersagen über die Umwelt zu treffen. Der Neurowissenschaftler Karl Friston nennt das das Prinzip der freien Energie: Das Gehirn investiert dort, wo es den größten Nutzen erwartet. Dort entstehen neue Verbindungen, während alte kleiner werden und absterben. Erinnerung wird nicht gelöscht, aber wir verändern sie.
Auch der mit mancher Erinnerung verbundene Schmerz wird weniger, bevor er verschwindet. Und er kann sich verwandeln. Im Washington University Sentence Completion Test, mit dem Jane Loevinger die Stufen der Ich-Entwicklung misst, gibt es einen Satz. Er lautet „Wenn Menschen hilflos sind…” Es geht darum, ihn zu vervollständigen. Ich habe neulich darüber nachgedacht, wie anders ich diesen Satz heute beantworten würde als vor 10 Jahren. Mit mehr Gefühl und Liebe und weniger Distanz.
Das Erleben verändert unser Denken und Fühlen. Erleben packt man nicht einfach obendrauf. Erleben verändert unsere Welt. Und es ist eben nicht nur das Neue und Unbekannte, sondern auch das Alte, was plötzlich in einem neuen Licht dasteht. Mir ist das nie so klar geworden wie in dieser eigenen Phase von Veränderung. Veränderung ist die Neugestaltung von Aufmerksamkeit. Dazu gehört auch das Vergessen, zum Beispiel von früheren Verletzungen. Sie sind jetzt einfach nicht mehr wichtig.
P.S.: Genau darum geht es in der Ausbildung zum Veränderungsbegleiter: nicht ums Sammeln neuer Methoden, sondern darum, die eigene Aufmerksamkeit und die anderer gezielt neu auszurichten. Einsteigen kannst du optional über das Modul „Psychologie der Veränderung", im September oder Oktober. Alle Infos findest du in meiner Akademie. Oder schreib mir einfach, wenn du vorher noch Fragen hast.
Zum Weiterlesen
Svenja Hofert: Ich-Entwicklung und Neurobiologie




Sehr gut geschrieben, und schön gegen den Glauben, man müsse nur alles richtig einsortieren, speichern und abrufen. Vergessen als Form des Neubewertens und Mittel zum Loslassen ist sehr unterschätzt!
Hat mich sehr berührt. Ein toller Newsletter, lädt wie immer ein, seine Perspektive mal anzupassen oder auch neu auszurichten. Sie schaffen es immer wieder aktuelle Themen, wissenschaftlich fundiert einzuordnen und einen neuen Blickwinkel zu eröffnen, sehr lesens- und erinnernswert.