Die Expertenfalle
Nr. 150: Warum Generalisten die besseren Problemlöser sind
Die Zeit der Experten geht zu Ende. Nur dass das im Fachkräftewahnsinn noch nicht alle erkannt haben. Ein Plädoyer für weniger Tiefe und mehr Breite.
Orientierung durch Expertise – und ihre Grenzen
Experten gelten als Orientierungspunkte in einer unübersichtlichen Welt. Medien greifen bei Krisen reflexartig auf sie zurück, Organisationen strukturieren Karrieren entlang von Spezialisierung, und Recruiter suchen nach möglichst eindeutigen Kompetenzprofilen. Gleichzeitig zeigen zahlreiche Untersuchungen, dass Experten bei Problemlösungen, Prognosen und Entscheidungen erstaunlich häufig falsch liegen.
Populär geworden ist in diesem Zusammenhang die sogenannte 10.000-Stunden-Regel. Sie geht auf Forschung zu Hochleistungsexpertise zurück und wurde später stark vereinfacht als Vorstellung verbreitet, dass rund 10.000 Stunden Übung ausreichen, um Meisterschaft in einem Gebiet zu erreichen. In dieser verkürzten Form ist die Regel wissenschaftlich umstritten. Was jedoch gut belegt ist: Intensive Beschäftigung mit einem Fachgebiet erhöht die Leistungsfähigkeit in genau diesem Gebiet erheblich. Gleichzeitig kann genau diese intensive Fokussierung Denkgrenzen und Fixed Mindsets stabilisieren.
Wer sich jahrelang in Details eines Fachs vertieft, bewertet andere Perspektiven schneller als nachrangig oder übersieht sie vollständig.
Dazu kommt ein Belohnungssystem, das Expertise mit Status, Macht, Deutungshoheit und Aufmerksamkeit verknüpft. Aus Kompetenz wird dann leicht Identität. Und Identitäten verteidigt man bekanntlich besonders leidenschaftlich.
Wenn Kompetenz zur Selbstverteidigung wird
Die Konzentration verschiebt sich dabei oft unmerklich vom eigentlichen Problem auf die Verteidigung der eigenen Argumentation. Wer viele Jahre in eine Theorie, Methode oder Denkweise investiert hat, entwickelt zwangsläufig eine emotionale Bindung dazu. Zweifel wirken dann nicht mehr wie ein Erkenntnisgewinn, sondern wie ein Angriff auf die eigene Persönlichkeit. Überhaupt wachsen Expertise und Person zusammen: Der Nährboden für Fehleinschätzungen.
Die Geschichte liefert zahlreiche spektakuläre Fehleinschätzungen. Der Bevölkerungsforscher Paul Ehrlich sagte in den sechziger Jahren massive globale Hungerkatastrophen voraus, die so nie eintraten. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Irving Fisher erklärte kurz vor dem Börsencrash von 1929, Aktien hätten ein dauerhaft hohes Preisniveau erreicht. In der Technologiegeschichte prognostizierte der Präsident von IBM in den vierziger Jahren einen weltweiten Bedarf von vielleicht fünf Computern. Noch 2007 erklärte der damalige Microsoft-Chef, Smartphones ohne physische Tastatur für kaum marktfähig. Solche Fehlprognosen sind keine Randphänomene. Sie treten überall dort auf, wo Systeme komplex, dynamisch und Wechselwirkungen unüberschaubar sind.
Das Bildungssystem als Spezialisierungsmaschine
Spezialisierung markiert traditionell den Beginn einer Expertenkarriere. Bildungssysteme fördern diese Entwicklung früh, indem sie Wissen in klar abgegrenzte Fächer und Disziplinen unterteilen. Am Anfang einer Laufbahn besitzt spezialisierte Expertise meist einen deutlich höheren Status als breites Erfahrungswissen. Doch diese Logik gerät zunehmend unter Druck. Die klassische Aufteilung in Wissensgebiete wirkt heute oft wie ein Archipel isolierter Inseln, auf denen sich eigene Sprachen, Denkweisen und Standesdünkel entwickeln.
Unsere Gegenwart gleicht aber zunehmend einem Experimentierfeld für Probleme, die sich nicht mit klassischen Lösungsmitteln bearbeiten lassen. Viele Herausforderungen verändern sich bereits während des Lösungsprozesses. Jede noch so vorläufige Entscheidung verschiebt Rahmenbedingungen, erzeugt Nebenwirkungen und schafft neue Schwierigkeiten.
Wicked Problems brauchen Perspektivwechsel
In der Forschung werden solche Konstellationen als wicked problems bezeichnet. Gemeint sind Probleme, die sich nicht eindeutig definieren lassen, deren Ursachen umstritten sind und bei denen es kein objektiv richtig oder falsch gibt, sondern nur mehr oder weniger tragfähige Lösungen. Solche Probleme verlangen viele Perspektiven, originelle Denkansätze und vor allem den uneitlen Blick auf das, worum es tatsächlich geht. Doch gerade dieser Blick fällt schwer, wenn berufliche Identität stark mit einem Fachgebiet verschmilzt.
Ein kleines Experiment aus der Entscheidungspsychologie zeigt eindrucksvoll, wie wichtig das Verlassen vertrauter Denkmuster ist. Versuchspersonen sollen überlegen, wie ein bösartiger Tumor zerstört werden kann, ohne das umliegende gesunde Gewebe zu schädigen. Eine starke Strahlendosis würde den Tumor zwar vernichten, gleichzeitig aber das gesunde Gewebe zerstören. Eine schwache Dosis schont das Gewebe, bleibt jedoch wirkungslos gegen den Tumor.
Die Kraft fachfremder Analogien
Die meisten Menschen finden in dieser isolierten medizinischen Problemstellung keine Lösung. Interessanterweise gelingt sie deutlich häufiger, wenn Versuchspersonen zuvor eine scheinbar fachfremde Geschichte hören. In dieser Geschichte versucht ein General, eine stark befestigte Stadt einzunehmen. Eine große Armee würde auf den verminten Zufahrtswegen scheitern. Die Lösung besteht darin, mehrere kleine Truppen aus unterschiedlichen Richtungen gleichzeitig auf die Stadt zuzubewegen.
Hören Probanden diese Geschichte, öffnet sich ihr Denken. Übertragen auf das Tumorproblem bedeutet das, mehrere schwache Strahlen aus verschiedenen Richtungen zu bündeln. Die Lösung entsteht also nicht durch tieferes medizinisches Fachwissen, sondern durch die Fähigkeit, Analogien zu erkennen und Wissen zwischen Kontexten zu übertragen. Genau diese Transferfähigkeit wird in vielen Organisationen unterschätzt. Und das Beispiel zeigt auch: Wir können lernen, andere Perspektiven einzunehmen.
Warum Generalisten oft besser prognostizieren
Der Psychologe und Politikwissenschaftler Philip Tetlock hat über mehrere Jahrzehnte hinweg tausende Prognosen von Fachleuten ausgewertet. Sein Ergebnis war ernüchternd. Experten schnitten im Durchschnitt kaum besser ab als Zufallsschätzungen oder einfache statistische Modelle. Besonders unzuverlässig waren jene, die ihre Einschätzungen konsequent aus einer großen Theorie ableiteten und neue Informationen in dieses Deutungsmuster einpassten. Deutlich bessere Vorhersagen lieferten Menschen, die unterschiedliche Perspektiven einbezogen, Unsicherheit akzeptierten und ihre Einschätzungen kontinuierlich anpassten.
Das stabile Karrieremärchen
Trotz solcher Erkenntnisse bleibt unsere Vorstellung von Karriere erstaunlich stabil. Lebensläufe sollen geradlinig sein. Ein roter Faden gilt als Qualitätsmerkmal. Wer lange im selben Fachgebiet arbeitet, signalisiert Verlässlichkeit. In der Praxis zeigt sich jedoch häufig das Gegenteil. Menschen mit vielfältigen Erfahrungen werden im Auswahlprozess oft aussortiert, weil ihre Profile zu wenig eindeutig erscheinen. Gleichzeitig sind es gerade diese Personen, die sich besonders schnell in neue Themen einarbeiten können.
Komplexe Welt, vernetztes Wissen
Historisch war Spezialisierung lange sinnvoll. In stabileren Umwelten führten tiefere Fachkenntnisse tatsächlich zu besseren Ergebnissen. Doch viele unserer heutigen Herausforderungen entziehen sich dieser Logik. Klimapolitik berührt Ökonomie, Technologie, Psychologie und Geopolitik gleichzeitig. Digitalisierung verändert Arbeitsmärkte, Bildungsstrukturen und gesellschaftliche Machtverhältnisse parallel. Solche Konstellationen lassen sich kaum mit einseitigem Wissen verstehen, geschweige denn gestalten.
Auch Biografien erfolgreicher Menschen zeigen, dass Kompetenz häufig anders entsteht, als klassische Karrierebilder vermuten lassen. Roger Federer spielte in seiner Kindheit verschiedene Sportarten, bevor er sich für Tennis entschied. Seine außergewöhnliche Bewegungsvielfalt gilt bis heute als Grundlage seines Spielstils. Vincent van Gogh arbeitete zunächst als Kunsthändler, Lehrer und Prediger, bevor er zur Malerei fand. Viele erfolgreiche Gründerinnen und Gründer verbinden Erfahrungen aus unterschiedlichen Branchen und erkennen dadurch Marktchancen, die Spezialisten innerhalb eines Systems übersehen.
Eine neue Reihenfolge von Kompetenz
Unsere Arbeitswelt orientiert sich dennoch stark an Vergleichbarkeit und Standardisierung. Lineare Lebensläufe lassen sich leichter bewerten. Doch diese Bewertungslogik stammt aus einer Zeit, in der Systeme stabiler und Entwicklungen besser prognostizierbar waren.
Vielleicht brauchen wir deshalb eine neue Vorstellung von Kompetenz. Entwicklung verläuft selten geradlinig. Sie beginnt häufig mit Breite, bevor sich Tiefe herausbildet. Menschen sammeln Erfahrungen in unterschiedlichen Kontexten, erkennen Muster zwischen scheinbar unverbundenen Bereichen und entscheiden sich oft erst später für Spezialisierungen, die auf einem breiteren Fundament stehen. Daraus entsteht ein vernetzteres Denken, das sich weniger an disziplinären Grenzen orientiert.
Hinzu kommt ein sozialer Effekt. Wer sich nicht ausschließlich über ein Fachgebiet definiert, bleibt häufiger auf Resonanz und Widerspruch angewiesen. Generalisten lernen früh, sich in unterschiedlichen sozialen Kontexten zu behaupten, ohne den Schutz fachlicher Autorität. Sie trainieren damit eine Form von Beweglichkeit, die in komplexen Systemen zu einer entscheidenden Ressource werden kann.
Vielleicht liegt die Zukunft von Kompetenz deshalb nicht im Entweder-oder zwischen Tiefe und Breite, sondern in einer anderen Reihenfolge. Erst Breite, dann Tiefe. Und vor allem die Bereitschaft, Tiefe immer wieder zu verlassen.
Einen Fragebogen zum Thema finden Sie bei Weiterdenken Extras.
Weiterlesen
Epstein, D. (2019). Range: Why generalists triumph in a specialized world. Riverhead Books.
Tetlock, P. E., & Gardner, D. (2015). Superforecasting: The art and science of prediction. Crown Publishers.
Und von mir :
Hofert, Svenja (2025): Veränderungen wirksam begleiten. Springer
Hofert, Svenja (2025): Die Dynamik der Macht. Springer (da geht es u.a. um Expertemacht)




Das Expertentum wurde nicht zuletzt von den Medien bis zum Exzess propagiert, um ihren zunehmend flachen Analysen einen ernstzunehmenden Anstrich zu verleihen. Der gesunde Menschenverstand wird immer unwichtiger, denn es ist ja auch furchtbar anstrengend, mal selbst das Hirn einzuschalten. So kommt alles, wie es kommen musste.
Der Artikel spricht viele wichtige Punkte an, baut sich dabei aber einen etwas zu einfachen Gegner.
Ich gehe bei vielem mit. Expertise kann in Tunnelblick kippen, gerade wenn sie Teil der eigenen Identität wird. Und bei komplexen Problemen helfen unterschiedliche Perspektiven wirklich. Auch die Forschung zeigt ja ziemlich klar, dass breite Denker oft besser einschätzen können, was passiert.
Es wirkt hier aber ein bisschen so, als müssten wir uns zwischen Experten und Generalisten entscheiden. In der Praxis brauchen wir jedoch beides, nur anders kombiniert.
Ein Herzchirurg sollte in erster Linie ein sehr guter Herzchirurg sein. Da möchte ich niemanden, der „breit interessiert“ ist, aber nur ungefähr weiß, was er tut. Gleichzeitig hilft es enorm, wenn dieselbe Person auch versteht, wie Teams funktionieren, wie Patienten denken und wie Systeme zusammenhängen. Tiefe im Kern, Breite drumherum.
Deshalb überzeugt mich die Schlussfolgerung „erst Breite, dann Tiefe“ als allgemeines Rezept nicht wirklich. Für manche stimmt das, für andere nicht. Einige brauchen zuerst Tiefe, um überhaupt Sicherheit zu entwickeln, andere entdecken ihren Weg über Breite.
Und man sollte auch bedenken, dass nicht jeder Generalist automatisch vielseitig ist, denn manchmal ist Breite einfach nur Oberfläche. Das eigentliche Problem sind aus meiner Sicht weniger Experten als Menschen, die ihre Grenzen nicht kennen.
Vielleicht geht es am Ende gar nicht um ein Entweder-oder, sondern um eine Kombination aus Tiefe in etwas und genug Offenheit darüber hinaus, um zu merken, wo das eigene Wissen aufhört.