Radikal stärkenorientiert: Bei Bayer können sich die Mitarbeitenden über eine AI-gestützte Skill-Plattform jetzt selbst ihre nächsten Projekte suchen - und sich ihren Job selbst zusammenbauen. Es tut sich viel, denn es gibt keine Wahlmöglichkeit mehr, zu deutlich sind die aktuellen Umbrüche. Darüber sprach ich mit Marcus Albers. Dieses Mal bekommt ihr ein Experiment: Statt Audiopodcast eine Video.
Der Ausgangspunkt unseres Gesprächs ist eine Prophezeihung. 1995 sagte der Zukunftsforscher Jeremy Rifkin etwas voraus, das nun für uns alle spürbar Realität wird.
Rifkin argumentierte, dass die dritte industrielle Revolution, getragen von Digitalisierung, Automatisierung und später Vernetzung, strukturell mehr Arbeitsplätze vernichten werde, als neue entstehen können. Und zwar nicht nur in der Industrie, sondern auch bei wissensbasierten, hochqualifizierten Tätigkeiten. Auf Führung bezog er sich damals nicht. Doch nicht nur Bayer stutzt die Hierarchie, auch die Deutsche Bahn hat dieses diese Woche angekündigt.
Was sich heute zeigt, ist keine langsame Transformation, sondern ein qualitativer Sprung: Arbeit wird fragmentierter, instabiler und schwerer institutionell zu fassen.
Deshalb kann Arbeit nicht mehr von oben gelenkt, koordiniert und hierarchisch organisiert werden.
Mit dem brand-eins Buchautor und Unternehmer Markus Albers habe ich ein ausführliches Gespräch über diese Themen geführt. Markus beschreibt in seinem aktuellen Buch “Die Optimierungslüge” wie wir im Effizienzparadigma gefangen sind - und da dringend raus müssen. Die Progonosen von Jeremy Rifkin aus seinem Buch “Das Ende der Arbeit” leiten uns, die Gegenwart zu beleuchten und in die Zukunft zu blicken. Wo stehen wir gerade, was kommt 2026?
Doch noch leben wir in einem Zwischenraum: Die einen noch im Alten, mit Macht festhaltend. Die anderen, schon im Neuen, teils noch zu vorsichtig treibend. Und viele, die breite Masse, in der Gegenwart der gemischten und Angstgefühle des Zwischenraums. Dort wo nichts klar, nichts geregelt ist. Dort, wo wir gestalten müssen. Und sei es nur unsere Position zu dem, was da im Großen und Kleinen passiert.
Das Alte geht, das Neue ist noch nicht da - Ängste kochen hoch
Diese Unklarheit macht viele Menschen unsicher, nervös und polarisiert. Sie verlieren sich in Negativspiralen. Sie klammern sich an ihre Errungenschaften, ihren Besitz, die vermeintliche Planbarkeit. Doch Veränderung hat immer einen Preis. Wir müssen auf dem Weg zum Neuen erwachsen werden. Und erkennen: Es geht nicht, ohne loslassen. Nicht ohne Vertrauen darauf, dass es besser werden kann.
Rifkin berührte drei grundlegende Überzeugungen, der heute noch politische Entscheidungen lenkt:
Den Glauben an den Arbeitsmarkt als Selbstheilungssystem. Wenn Jobs wegbrechen, entstehen neue. Heute sieht man: Nein, eben nicht. Es wird immer weniger Industriejobs geben! Aber es gibt Arbeit genug. Nur (derzeit) nicht so gut bezahlte.
Die Idee, dass “höhere” Bildung jede technologische Verdrängung ausgleicht. Heute sieht man: Handwerker haben einen weitaus sicheren Job. Und erleben oft mehr Zufriedenheit.
Die normative Fixierung auf Arbeit als moralische Pflicht. Heute sieht man: Die Entgrenzung nimmt dramatisch zu. Viele Jobs sind Bullshit, fühlen sich leer und sinnlos an.
Das Ende der Arbeit ist nun endlich gekommen
Fast 30 Jahre später sickert das alles nun langsam in das Bewusstsein des Mainstreams. Richard David Precht spricht in seinem neuen Buch über “Freiheit für alle. Das Ende der Arbeit”. Er greift Rifkin dritten Punkt philosophisch auf und sagt: Wir leiden nicht unter zu wenig Arbeit, sondern unter einer falschen moralischen Bewertung von Arbeit. Die Gesellschaft hält an einem Arbeitsideal fest, das strukturell nicht mehr zu halten ist, und erzeugt dadurch Schuld, Scham und politische Verwerfungen.
Was tun? Arbeit neu bewerten!
Der Physiker und TV-Moderator Harald Lesch (Terra X) rät nicht zur Uni, sondern zur Lehre. Er sagt die praktische Erfahrung und konkrete Arbeit bringt Menschen wertvolle Erfahrungen, die sie nie gewinnen können, wenn sie immer im Kopf bleiben. Wie viel mehr Sozialarbeiter bräuchten wir für gelungene Integration! Wie viel mehr Coachs und Lernbegleiter, die nicht auf einen Egotrip, sondern zu eigenen Stärken führen!
Doch auch die Wissensarbeit hat in Zukunft eine Chance. Wenn sie sich verändert - aus dem Effizienzdenken ausbricht. Wenn sie es schafft, mit KI besser zu werden.
Ich darf versprechen: Es gibt nicht nur für Bayer Hoffnung, mindestens an der Börse zeigt sich das schon. Aber kleine Schritte reichen nicht mehr.
Was meint ihr?
Zum Thema empfehle ich auch Microsofts Work Trend Index Report 2025, unten verlinkt
Ich wünsche einen friedlichen 3. Advent.
Tipps zum Weiterlesen und -denken:
Work Trend Index Report 2025 von Microsoft mit zentralen Thesen wie der, dass traditionelle Hierarchien und funktionale Organigramme dynamischen „Work Charts“ weichen, in denen sich Teams flexibel um konkrete Ziele und Projekte bilden, unterstützt durch KI-Agenten. Hier
Bücher und Artikel
Markus Albers (2025): Die Optimierungslüge. brandeins Verlag
Markus Albers (2025): Bayer: Selbstgesteuerte Karriere, online
Markus Väth (2025): Radikal arbeiten. Haufe
Richard David Precht (2025): Freiheit für alle. Das Ende der Arbeit wie wir sie kannten. Goldmann.
Jeremy Rifkin (2005, deutsch): Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft. Fischer
Ähnlich wegweisend wie Rifkin: Richard Floridas Beitrag über die Service Class bei Evonomics.










